Berliner Luft

 

Berliner Luft

 

Ich wanderte durch die Straßen. Eine Freundin von mir begleitete mich. „Wo warst du denn gestern Abend?“

Sie machte sich Sorgen über mich. Es ist immer so: Ich trinke Alkohol und ich verschwinde allein in der Nacht. In den meisten Fällen, weil ich nicht vor meinen Freunden weinen will.

„Keine Ahnung. Ich war besoffen. Ich habe versucht, euch im Klub zu finden. Wahrscheinlich eine Stunde lang. Dann bin ich wieder zu Hause.“

Sie wusste, dass ich log.

„Ich habe Emma gesehen“ sagte sie.

„Echt? War sie da?“

Natürlich wusste ich, dass sie da war.

„Hör mal auf! Ich bin sicher, dass du sie gesehen hast. Du wusstest, dass sie dort gehen sollte. Deswegen wolltest du unbedingt in diesen Klub gehen. Und sag nicht, dass du nicht mehr in sie verliebt bist. Sie war mit einem Mann. Deswegen bist du weg!“

Ich wollte fliehen.

„Ich will nicht davon sprechen.“

„Du muss aber darüber reden! Jeden Samstag ist es immer so! Ich habe es dir mehrmals gesagt: Du muss sie vergessen. Du lässt dich dein Leben diktieren!“

Ich nahm einen tiefen Atemzug. Ich sagte nichts. Sie war natürlich recht. Wie immer.

„Ich brauche ein Bier“ sagte ich. Ich wollte das Thema wechseln.

„Ja, ich auch. Ich kenne eine billige Eckkneipe in der Nähe.“

Jedes Wochenende war es immer so. Sie kam zu mir, rief mich an, sagte, dass sie vor der Tür war, dass ich ein bisschen frische Luft brauchte. Ich weiß, dass sie sich über mich Sorgen macht. Ich war verliebt. Oder ich fühlte etwas Ähnliches. Es war keine Liebe. Das kann nicht sein. Liebe kann nicht unilateral sein. Ich fragte mich manchmal, ob ich eigentlich in Emma wirklich verliebt war. Das tat bestimmt weh. Aber Leid ist nicht genug, um Liebe kennzuzeichnen. Vielleicht war ich nur in das verliebt sein verliebt. Ich weiß aber nicht, ob es aufhören kann. Ich weiß nicht, ob ich das eben will.

Wir saßen draußen.

„Na, ein Bier für dich? Ich komme gleich zurück.“

Die Luft war ein bisschen kalt. Aber ich liebte diese Stimmung. Ich fühlte mich frei. Frei wie nie.

Sie kam zurück.

„Du bist ein dummer Mensch.“

„Ich weiß.“

„Wirklich dumm.“

„Ja, du bist recht.“

Ich wollte nicht mehr darüber denken. Ich nahm einen tiefen Atemzug. Ich trank einen Schluck Bier.

„Ich fühle mich besser.“

„Das sagst du jeden Sonntag.“

Ich lachte. Sie schwieg.

„Berlin ist einfach so“ sagte ich. „Eine subtile Mischung von Leidenschaft und Freiheit.“

 

Paul-Henri Pillet 00h45

Par Paul Henri Pillet




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